Moorleichen auf Reisen - Museum für Archäologie Schloss Gottorf
Hinweise für Ihren Besuch

Schloss Gottorf ist aufgrund von Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten geschlossen. Die Schleswiger Museumsinsel bleibt geöffnet. MEHR...  Der nahe der Museumsinsel gelegene Gottorfer Globus sowie der Barockgarten befinden sich in der Winterpause und öffnen am 2. April 2026 wieder.

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Moorleichen gehen auf Reisen

Sie sind die Stars der Gottorfer Archäologie: die Moorleichen. Benannt sind die zum Teil über 2000 Jahre alten und dank der idealen Bedingungen in Mooren überaus gut erhaltenen menschlichen Überreste nach den Orten ihres Auffindens – das Kind von Windeby, der Mann aus Damendorf, der Schädel von Osterby, der Haarschopf des Mannes von Dätgen. Nur wenige Tage nachdem Schloss Gottorf aufgrund umfassender Modernisierungsarbeiten geschlossen worden ist, verlassen die fünf Moorleichen nun in speziellen Klimakisten gesichert die Museumsinsel. Ab 8. Oktober 2025 sind sie im Silkeborg Museum (DK) in der Ausstellung Die Schläfer im Moor zu sehen.

Zurückkehren werden sie erst wieder, wenn die Arbeiten für das „neue“ Schloss Gottorf abgeschlossen sind. Solange – darauf haben sich der wissenschaftliche Vorstand der Landesmuseen, Dr. Thorsten Sadowsky und der Direktor des Museums für Archäologie Schloss Gottorf, Dr. Ralf Beile,  verständigt – werden die Gottorfer Exponate im Museum in Silkeborg gezeigt. „Die mehrjährige Ausleihe nach Dänemark ist Teil unserer Strategie, die museale Zusammenarbeit mit unseren dänischen Nachbarn in den kommenden Jahren noch weiter zu intensivieren“, erläutert Stiftungsvorstand Dr. Thorsten Sadowsky.

  • DER SCHÄDEL VON OSTERBY: 1948 wurde im Köhlmoor bei Osterby (Kreis Rendsburg-Eckernförde), eingewickelt in einen Schulterkragen aus Rehfellen, der Schädel eines Mannes entdeckt. Sein Haar war in einen Knoten geschlagen, eine Haartracht, die man vom Stammesverband der Sueben kennt. Der Mann war enthauptet worden. Die linke Seite des Schädels hatte man mit einem stumpfen Gegenstand eingeschlagen. Der Unterkiefer gehört nicht zum Schädel; er ist vermutlich kurz nach der Bergung 1948 zur Ergänzung des Befundes von einem anderen Skelett genommen worden. Das ursprünglich vermutete Alter von 50–60 Jahren des Mannes lässt sich heute nicht mehr sicher bestimmen, da die Zähne im Oberkiefer fehlen. Untersuchungen an den Haaren haben ergeben, dass er offenbar selten Fleisch gegessen hat. Er lebte im 1./2. Jahrhundert n. Chr.
  • DAS KIND VON WINDEBY: 1952 entdeckte man beim Torfabbau im Domlandsmoor bei Gut Windeby südlich von Eckernförde in einer 1,50 Meter tiefen Grube die Leiche eines jungen Menschen. Das Kopfhaar ist rechts 4–5 Zentimeter lang und links auf 2 Millimeter gekürzt. Die rechte Hand ist zur Faust geballt. Über dem Körper der Leiche fanden sich Birkenstäbe, um den Kopf ein Stoffband. Von der Bekleidung hat sich ein Pelzschulterkragen aus doppeltem Rinderfell erhalten. Neben dem Toten lagen mehrere Steine und vier Tongefäße, von denen lediglich Scherben in das Museum gelangten. 1979, 2005 und 2012 durchgeführte archäologische, naturwissenschaftliche und gerichtsmedizinische Untersuchungen an der Leiche und den Auffindungsumständen korrigierten frühere Interpretationen: Die Beurteilung des Zustandes des Knochenwachstums und Zahnstatus haben ergeben, dass es sich um die Leiche eines 16- bis 17jährigen, schmächtigen, von Krankheiten gezeichneten Kindes handelt. So zeigen Röntgenbilder der beiden Schienbeine jährliche Wachstumsstörungen durch Hunger oder Krankheit. Die Körperhöhe betrug nur etwa 1,40 cm. Untersuchungen am Haar belegen eine blonde Haarfarbe und eine hauptsächlich vegetarische Ernährung während der letzten Lebensjahre.
    Das Geschlecht ist nicht eindeutig zu bestimmen; die Knochenuntersuchungen ergaben Hinweise auf möglicherweise männliches Geschlecht. DNA-Analysen deuten ebenfalls auf männliches Geschlecht, allerdings ist hier eine Verunreinigung der Proben, insbesondere durch die Lagerung der Leiche im Moor, nicht auszuschließen. Vermutlich starb das geschwächte Kind von Windeby im 1. Jahrhundert n. Chr. an den Folgen einer schweren Zahninfektion im Unterkiefer. Spuren einer Gewalteinwirkung, die zum Tod hätten führen können, ließen sich nicht nachweisen.
  • DER MANN VON RENDSWÜHREN: 1871 entdeckten Torfarbeiter im Heidmoor die Leiche eines 40 bis 50 Jahre alten Mannes. Der Tote lag auf dem Bauch. Um den Kopf waren ein Umhang aus Kalb- und Schaffell sowie ein Wollmantel gewickelt – vielfach ausgebessert; beide Kleidungsstücke sind nicht bewahrt. Am Fuß befand sich eine Binde aus Rindsleder. Unmittelbar nach der Bergung wurde der Tote gerichtsmedizinisch untersucht. Über dem rechten Auge ließ sich eine dreieckige Wunde im Schädel noch erkennen. Hinterkopf und Scheitelbein waren zerschmettert. Erst eine 2005 durchgeführte Computertomografie der Moorleiche ergab, dass der Schädel fehlte. Er ist offenbar bereits bei der Erstuntersuchung von 1871 entfernt worden. Die Kopfhaut wurde damals wohl durch andere Substanzen ausgesteift. Der Kleidung zu Folge und nach der C14-Analyse datiert der Fund in das 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr.
  • DER HAARSCHOPF DES MANNES VON DÄTGEN: Der sogenannte Mann von Dätgen ist eine Moorleiche aus dem 2. bis 4. Jahrhundert, die 1959 im Großen Moor nahe Dätgen im Kreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein beim Torfstechen gefunden wurde. Zunächst wurde nur der Körper des Mannes gefunden und erst ein halbes Jahr später, 1960, wurde der abgetrennte Kopf mit der charakteristischen Suebenknotenfrisur entdeckt. Die Moorleiche, bislang Bestandteil der archäologischen Ausstellung Tod und Jenseits ist nicht mehr transportabel. In Silkeborg ausgestellt werden kann jedoch der enorm gut erhaltene Haarschopf des Mannes von Dätgen. Das sehr lange Kopfhaar trug der Mann zu einem Suebenknoten gebunden. Die Lage des Knotens auf den Resten des Kopfes deutet an, dass er den Suebenknoten – entgegen den historischen Überlieferungen – nicht oberhalb der Schläfe, sondern auf dem Hinterkopf trug. Im Bereich des Gesichtes waren etwa 4 bis 4,5 Millimeter lange, krause Barthaare sichtbar. Die Haare sind durch die Lagerung im Moorwasser braun gefärbt; an einigen Stellen, speziell im Inneren des Haarknotens, sind noch hellblonde Haare erkennbar.
  • DER MANN VON DAHMENDORF: 1900 entdeckten Torfarbeiter im Seemoor die Leiche eines Mannes; das Kopfhaar war an den Seiten 15 Zentimeter und vorne 2 Zentimeter lang; der Tote trug einen kurzen Oberlippenbart. Zu Füßen des Toten lagen ein Wollmantel, eine Wollhose, wollene Wickelbinden, zwei Lederschuhe und ein Lederriemen. Im Bereich des Herzens fand sich eine 2 Zentimeter breite Stichwunde, möglicherweise eine Messerstichverletzung, die dem noch lebenden Mann zugefügt wurde. Im Haar haben sich ungewöhnlich starke Spuren von Blei- und Quecksilber gefunden. Dies könnte auf eine Tätigkeit in der Metallverarbeitung zurückzuführen sein. War der Mann, der im 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. lebte, vielleicht Gold- oder Silberschmied?

Postwendend gibt es dafür viel Lob vom Bevollmächtigten des Ministerpräsidenten für die Zusammenarbeit mit Dänemark, Johannes Callsen: „Sowohl in den Sammlungen wie auch in den wissenschaftlichen Forschungen legen die Landesmuseen immer wieder einen besonderen Fokus auf Dänemark und den Ostseeraum. Nach der Ausleihe des Nydambootes 2003 an das Nationalmuseum Kopenhagen und der Ausstellung mit Werken des dänischen Malers und Bildhauers Jens Ferdinand Willumsen 2024/2025 ist die Ausleihe der Gottorfer Moorleichen nach Silkeborg ein weiterer Höhepunkt dieser kulturellen Kooperation zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark."

Im rund 200 Kilometer von Schleswig entfernten Silkeborg Museum bereitet Direktor Ole Nielsen anlässlich der spektakulären Auffindung des berühmten Tollund-Manns vor genau 75 Jahren eine neue Ausstellung vor. Die Gottorfer Moorleichen nehmen dabei eine zentrale Rolle in der Präsentation ein. „Es ist uns eine ausgesprochene Freude und eine große Ehre, dass der Tollund-Mann und die Elling-Frau ab Oktober vornehmen Besuch von den Moorleichen der Landesmuseen Schloss Gottorf bekommen. Es ist außergewöhnlich, dass die Moorleichen Schleswig verlassen, um an anderen Museen ausgestellt zu werden. Es handelt sich um einzigartige Schätze, und die Tatsache, dass man uns diese unersetzbaren Kostbarkeiten anvertraut, ist Ausdruck des großen Vertrauens und Wohlwollens zwischen unseren Museen und Ländern“, betont Ole Nielsen.

„Wir können uns keinen besseren Ort vorstellen als das Museum in Silkeborg, um unsere Moorleichen für die Zeit der Baumaßnahmen in Schleswig weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Silkeborg ist weit über die Grenzen Dänemarks hinaus berühmt für seinen Tollund-Mann, eine wirklich großartig erhaltene und erforschte Moorleiche. Unsere Moorleichen sind bei meinem Kollegen Ole Nielsen und seinem Team in den allerbesten Händen und werden in ein spannendes Ausstellungskonzept integriert“, schwärmt Archäologe Dr. Ralf Bleile. 

Die Ausstellung in Silkeborg wird die weltweit größte Sammlung gut erhaltener Moorleichen umfassen, es werden auch Beispiele von Moorleichen gezeigt, die nur als Skelette vorhanden sind, weil sie in einem anderen Moortyp als den Hochmooren niedergelegt wurden, in denen sich Weichteile erhalten können. 

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