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Was wir über ein 4000 Jahre altes Beil lernen können

Dr. Mechtild Freudenberg, Archäologin und Expertin für die Bronzezeit, beschäftigt sich seit langem mit prähistorischen archäologischen Steinwerkzeugen. Ein Fokus liegt auf einem 4000 Jahre alten Beil, das in Ahneby im Kreis Schleswig-Flensburg gefunden wurde. Im Interview spricht sie über ihre Versuche, es in einer alten Kieler Gießerei nachzugießen, hochmoderne Untersuchungen mit Röntgenstrahlen und menschliche Schwächen unserer Vorfahren.

Frau Freudenberg, Sie beschäftigen sich seit langem damit, wie die Menschen vor rund 4000 Jahren – also in der jüngeren Steinzeit bis älteren Bronzezeit – mit Steinwerkzeugen Metall bearbeitet haben. Was fasziniert Sie als Archäologin daran so sehr?

Als ich vor Jahren Material für die Ausstellung zur Bronzezeit suchte, stieß ich im Magazin auf Steingeräte, bei denen ich keine Ahnung hatte, wozu sie dienten. Für mich hat so etwas Suchtcharakter. Ich versuche herauszubekommen, was das ist. Zusammen mit dem Kollegen Harm Paulsen habe ich dann systematisch solche Steingeräte gesammelt und analysiert. Einige von ihnen erwiesen sich als Werkzeuge zur Metallverarbeitung.

Wie ist es weitergegangen?

Ich wollte natürlich mehr darüber erfahren. Als sich dann durch Zufall die Möglichkeit ergab, im DESY in Hamburg (Anm. d. Redaktion: Deutsches Elektronen-Synchrotron) zu arbeiten und gleichzeitig der Kontakt zur Alten Gießerei der Howaldtswerke in Kiel-Diedrichsdorf entstand, bekam das Projekt eine ganz neue Wendung. Durch die Gießerei konnten wir Nachbildungen fertigen und damit experimentieren. Zum Beispiel befindet sich in unserer Sammlung ein 4000 Jahre altes Beil, das in Ahneby im Kreis Schleswig-Flensburg gefunden wurde. Ein sehr spannender Fund, da er aus dem anglo-irischen Raum stammen soll. Den haben wir kopiert.

Das nennt man dann experimentelle Archäologie, richtig?

Stimmt. Die Analysen im DESY zeigten uns, ob wir mit unseren Techniken und Verfahren richtig lagen. Interessant wurde es, als wir feststellten, dass der Guss aus dem modernen Ofen eine ganz andere Kristallitverteilung* erzeugte, als diese bei den archäologischen Funden vorhanden war. Das konnten wir uns lange nicht erklären, bis wir uns schließlich entschlossen, eigene Gussexperimente mit alten Techniken durchzuführen.

*Kristallite sind Kristalle, die die eigentliche Kristallform nicht oder nur teilweise abzeichnen

Wie genau müssen wir uns so ein Experiment vorstellen?

Bei den Gussversuchen haben wir erst einmal probiert, ob wir auch ohne Blasebälge genügend Temperatur erzeugen können, um Kupfer zu schmelzen. Das funktioniert tatsächlich mit Blasrohren, aber man benötigt rund acht Personen direkt an den Blasrohren. Außerdem brauchten wir jemanden, der sich um den Kohlenachschub kümmert usw.. Es ist an den Blasrohren auch eine gewisse Übung nötig, sonst hyperventiliert man und dann wird einem schwarz vor Augen. Hatten wir einmal … dann ist es ganz hilfreich, wenn man die Ersthelferausbildung mal gemacht hat. Danach habe ich mir auch Schlauchblasebälge gebaut, weil damit weniger Personen für die Experimente benötigt wurden. Damit wurden auch die Ergebnisse zuverlässiger, also die Wahrscheinlichkeit, dass das Metall im Tiegel geschmolzen war, stieg deutlich.

Der Vergleich der Materialeigenschaften von archäologischen Funden und verschiedenen Nachbildungen ist vermutlich nur ein Ansatz... 

Ja, schon die Analyse des Originals erzählt uns spannende Geschichten. Als ich das Beil von Ahneby untersuchte, wurde deutlich, dass der Handwerker große Probleme bei der Herstellung hatte und das Beil viele Lunker also Blasen aufweist. Anstatt es neu zu gießen, hat er versucht, die Fehler so gut es geht, zu kaschieren. Er hat bei größeren Löchern einfach Metall mit einem Hammer eingeschlagen. Er hat gepfuscht, um es salopp zu sagen. Solche Pannen, Pleiten und Kleinkatastrophen zeigen mir, dass die Handwerker auch damals nicht immer perfekt arbeiteten, trotz unzweifelhafter großer Erfahrung. Da ich selber Metallbearbeitung betreibe, ist mir der Mensch von damals plötzlich sehr nah.

Wie haben wir uns die Untersuchungen im DESY eigentlich genau vorzustellen?

Das DESY ermöglicht Forschung mit Photonen, also Licht. Hier sind Röntgenstrahlen gemeint. Der Unterschied zu einer Röntgenröhre besteht darin, dass das Licht im DESY absolut parallel ausgerichtet ist und durch die Präzision den Blick auf einzelne Kristalle und Kristallgitterstrukturen ermöglicht. Der Fachbegriff für das Verfahren ist Röntgen-Diffraktion. Was heißt das für unsere Fragen? Wir können z.B. sehen ob Kristalle verformt wurden. Die Richtung der Verformung zeigt uns, ob geschmiedet oder gewalzt wurde. Die Spannung im Material gibt Auskunft, in welchem Zustand es ist. Also wurde nur gegossen, plastisch verformt oder danach auch wieder durch Tempern also Glühen entspannt? Wir arbeiten an verschiedenen Messstationen, da die Einrichtungen unterschiedliche Möglichkeiten in Bezug auf Intensität der Strahlung, Messwinkel usw. aufweisen. Wir brauchen schon eine hohe Energieleistung um durch einen Zentimeter Bronze zu kommen. Neben der Struktur des Materials sammeln wir auch Informationen zur Chemie eines Objektes mittels Röntgenfluoreszenz.

Diese modernen, hochkomplexen Verfahren sind nicht nur mit Blick auf die Erkenntnisse, die sich daraus ziehen lassen, für die Archäologie von großer Bedeutung, richtig?

Ja, das kann man so sagen. Im DESY betreiben wir Grundlagenforschung zur Entwicklung non-invasiver Verfahren zur Analytik von archäologischem Material. Übersetzt heißt das: Bisher wurden Objekte angebohrt, um Informationen zur chemischen Zusammensetzung zu erhalten. Zum Beispiel um zu erfahren, wie das Material zusammengesetzt ist und wo es herkommt. Für die Untersuchung der Strukturen des Materials wurden Segmente aus den Objekten herausgesägt und mit Methoden aus den Materialwissenschaften zum Beispiel Dünnschliffen analysiert. Man kann sich gut vorstellen, dass nach wenigen Generationen Forschung am Ende kaum noch relevantes Material übrig ist. Unsere Aufgabe als Museum ist es, Funde zu bewahren, um sie den Besuchern zu zeigen und sie der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Was erhoffen Sie sich durch Ihre weitere Arbeit an dem Thema?

Da gibt es so viele Fragen, auf die ich gern eine Antwort hätte. Wie hat Metallhandwerk am Anfang funktioniert? Wie viele Leute wurden benötigt und wie haben diese gearbeitet? Sind sie tatsächlich durch ganz Europa gereist? Wie muss ich mir das real vorstellen? War das ein und dieselbe Gruppe, die reiste, mit Mann und Maus und Kind und Kegel? Wie wurde das sehr spezielle Wissen weitergegeben, innerhalb der Familie oder an begabte Lehrlinge? Die Idee, jeder Bauer hat mal eben nebenbei seine Metallwerkzeuge hergestellt, ist jedenfalls für den Beginn der Metallurgie nicht vorstellbar. Unsere Experimente haben uns da eine deutliche Bescheidenheit gelehrt.

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