190 Jahre Museum für Archäologie
Zeitreise des Monats
Anlässlich des 190. Jubiläums des Museums für Archäologie Schloss Gottorf reisen wir in diesem Jahr regelmäßig in die Vergangenheit und stellen Ihnen besondere Funde vor.
Die Snelle von Haithabu
1953 wurden im Hafen von Haithabu Schiffsteile geborgen – darunter ein außergewöhnliches Bauteil: die Snelle. Dieses Element, das nur im wikingerzeitlichen Schiffbau belegt ist und aus dem unteren Bereich des Schiffsrumpfes stammt, gehörte zu einem königlichen Langschiff aus dem Jahr 985. Es wurde einst von Harald Blauzahn und seinem Sohn Sven Gabelbart als Kriegsschiff genutzt! Die Snelle weist eine geschwungene flügelartige Form auf und besitzt eine rechteckige Auslassung, die der Aufnahme und Fixierung des Kielschweins von oben über dem eigentlichen Kiel des Schiffes diente. Mit dem der Versteifung der Bordwand dienenden Spant ist die Snelle auf jeder Flügelseite durch zwei eiserne Stifte verbunden. Die Entdeckung dieser Schiffsteile führte 1979 zur vollständigen Ausgrabung des Wracks – ein Meilenstein für die Archäologie! Ohne diesen Fund gäbe es das heutige Wikinger Museum Haithabu vielleicht gar nicht.
Durch Ringe verbunden – Kronenhalsring von Malente-Söhren
Als „einen höchst eigenthümlichen Bronze-Ring“ bezeichnet Heinrich Handelmann, Mitglied des Vorstandes der für das Kieler Museum vaterländischer Alterthümer zuständigen Altertumssammlung, ein im Oktober 1862 als Geschenk in das Museum gelangtes Fundobjekt. Der Ring mit seiner außergewöhnlichen Scharniervorrichtung zum Öffnen stellte das erste Exemplar dieser Objektgattung in der Museumssammlung dar. Handelmann kann ihn zunächst nicht näher funktionell und chronologisch einordnen. Er schreibt daraufhin dem berühmten Schweriner Altertumsforscher Georg Christian Friedrich Lisch, der ihm die entscheidenden Hinweise zur Einordnung des Rings gibt. Bis in das Frühjahr 1863 informiert Handelmann weitere heute noch namenhafte Archäologen, so Christian Jürgensen Thomsen in Kopenhagen, Helvig Conrad Engelhardt in Flensburg und Ludwig Lindenschmit in Mainz. Deutlich wird, wie vernetzt schon in der damaligen Zeit die Altertumsforscher unseres Museums waren. Heutzutage zählt der sog. Kronenhalsring weiterhin zu den herausragenden Funden der Vorrömischen Eisenzeit in Schleswig-Holstein und unserer Sammlung.
Die bislang ältesten Pfeile der Welt...
Als die Tochter des Amateurarchäologen Alfred Rust 2013 den Nachlass ihres Vaters an das Archäologische Landesmuseum gab, rechnete niemand mit einem besonderen Fund. In einem Karton mit Tierknochen aus dem Ahrensburger Tunneltal entdeckte Dr. Sönke Hartz, damaliger Kurator für die Steinzeiten, allerdings eine Zigarettenschachtel mit elf Holzstücken – darunter eines mit eingekerbtem Ende. Genau diese Kerbe in Form eines Schwalbenschwanzes kannte er von den altsteinzeitlichen Pfeilschäften, die Rust in den 1930er Jahren am Fundplatz Stellmoor in besagtem Tunneltal ausgegraben hatte. Sie waren jedoch alle 1944 bei einem Luftangriff auf das Museum vorgeschichtlicher Altertümer in Kiel verbrannt und nur auf Fotos und Zeichnungen anzuschauen. Plötzlich konnte es doch noch rund 12.000 Jahre alte Schaftfragmente geben! Radiokarbondatierungen an zweien dieser Kiefernhölzer bestätigten die Vermutung. Es sind die bislang ältesten Pfeile der Welt.
Faszination Moorleichen – Das Kind von Windeby
1871 beginnt mit der Entdeckung einer Leiche im Moor, des Mannes von Rendswühren, die Bewahrung von Moorleichen an unserem Museum. Johanna Mestorf, seinerzeit Mitarbeiterin und später Direktorin, prägt mit dieser Bezeichnung den bis heute im deutschsprachigen Raum genutzten Fachterminus. Sowohl bei der Aufbewahrung, der Erforschung als auch der Präsentation im Museum sind wir uns der Besonderheit der Funde bewusst und gehen respektvoll damit um.
Im Bestand des Museums befinden sich zehn Moorleichen, darunter auch das weltberühmte Kind von Windeby, eine 1952 gefundene Moorleiche aus der Römischen Kaiserzeit. Waren zunächst nur archäologische und anthropologische Untersuchungen an den Moorleichen möglich, begann mit diesem Fund die Anwendung vielfältiger archäometrischer Verfahren wie beispielsweise Röntgendiagnostik, Radiokarbonmethode (C14-Datierung) und aDNA-Untersuchungen. Auch wenn sich dadurch viele spannende Erkenntnisse zu Alter, Geschlecht, Aussehen, Krankheiten und Todesursache ergeben, bleiben immer noch ungeklärte Fragen und Rätsel, die mit zur großen Faszination der Moorleichen beitragen.
Glücklose Grabräuber
Mächtig und reich scheinen die Toten gewesen zu sein, die im Grabhügel von Hüsby, Kr. Schleswig-Flensburg, vor gut 3500 Jahren ihre letzte Ruhe fanden. Kostbarer Goldschmuck und prächtige Waffen aus Bronze wurden ihnen in die Gräber gelegt. Der Schmuck zeigt keine Gebrauchsspuren und verrät so, dass er nie getragen worden ist. Herstellungsspuren deuten darauf hin, dass sogar einige Schritte, wie eine abschließende Politur, eingespart wurden. Aufwendig war die Bauart des einst beeindruckenden Grabhügels der älteren Bronzezeit, der sich nahe am historischen Ochsenweg befindet. Mächtige Steinpackungen schützten die Gräber vor Grabräubern. Einen gescheiterten Versuch, das zentral gelegenen Grab auszurauben, konnten Archäolog*innen bei den Ausgrabungen nachweisen. Sie fanden in den Jahren 2003 und 2004 unter Beteiligung des Museums für Archäologie statt. Die Erforschung und Vermittlung solch spannender Geschichten aus der Vergangenheit ist seit 190 Jahren Aufgabe des Museums für Archäologie.
Enigmen - versunkene Geheimnisse
Im November 2020 fand Florian Huber bei einem Tauchgang in der Geltinger Bucht ein Gerät, das auf den ersten Blick einer Schreibmaschine ähnlich sah. Sehr bald stellte sich heraus, dass es sich um eine Enigma handelt, ein Chiffriergerät aus der Zeit des 2. Weltkriegs. Nur wenige Wochen später, im Januar 2021, barg der Berufstaucher Christian Hüttner weitere Überreste solcher Geräte bei Kappeln aus der Schlei. Über das Archäologische Landesamt waren alle Funde in unser Museum gelangt, denn sie sind wichtige Zeugen einer Zeit, die nie in Vergessenheit geraten darf. Der Erhaltungszustand der sieben Enigmen ist sehr unterschiedlich, was allerdings weniger an ihrer Lagerung in salzigem Wasser, als vielmehr an ihrer Zerstörung vor dem Versenken liegt. Die Enigma aus der Geltinger Bucht sowie eine aus dem Hafen von Kappeln sind weitgehend intakt und besitzen sogar noch den kompletten Walzensatz. Eine weitere Maschine aus Kappeln ist zwar verhältnismäßig unbeschädigt, jedoch wurden die Walzen entnommen. Von den verbleibenden vier Geräten besteht eines nur aus einigen losen Einzelteilen und drei wurden durch Schläge auf die Oberseite zerstört. Die Herausforderung bei der Konservierung der Enigmen liegt in ihrer Zusammensetzung aus verschiedenen Materialien, wie beispielsweise Holz, Eisen, Glas, Bakelit und Kupfer. Jedes dieser Stoffe erfordert eigene Konservierungsmethoden, die für den Erhalt anderer Materialien sogar schädlich wirken können. Auch die äußerlich unversehrten Maschinen sind im Inneren mit Sedimenten verfüllt. Zudem sind Schrauben und Bolzen vergangen, so dass die Objekte nur außen von harten Krusten und innen von Sediment zusammengehalten werden. Nach langer Überlegung haben wir entschieden, die Objekte im Zustand ihrer Bergung zu konservieren und nicht korrigierend in das Erscheinungsbild einzugreifen. Dies mag für Technikinteressierte unglücklich sein, als Relikte unserer Geschichte bewahren die Enigmen aber nur so ihre Authentizität.
Publikumsmagnet – Nydamboot
Am 17. August 1863 wurde das Nydamboot durch Helvig Conrad Engelhardt in der Nähe von Øster Sottrup im Nydam-Moor ausgegraben. Mit seiner Größe und Erhaltung ist es ein außergewöhnliches archäologisches Schauobjekt, das in seiner Erhaltung und musealen Ausstellung besondere Anforderungen stellt. Mehrere Museums- und Evakuierungsstandorte hat es erlebt: zunächst ab 1863/1864 in der Königlichen Sammlung nordischer Altertümer in Flensburg, seit 1877 in Kiel im Museum vaterländischer Alterthümer, während des Zweiten Weltkrieges auf einer Schute im Ziegelsee bei Mölln und ab Mai 1947 in der Nydamhalle auf der Gottorfer Schlossinsel. Das Nydamboot ist ein einzigartiges Studienobjekt und Zeugnis für die Erforschung der Schifffahrt während der Römischen Kaiserzeit. Weiterhin gibt es Einblick in gesellschaftliche Verhältnisse und die Mobilität der damaligen Zeit. Als ein besonderer Anziehungspunkt für unsere Gäste, steht es aber genauso für die guten deutsch-dänischen Beziehungen, die auf kulturellem Gebiet vorhanden sind.
Die Isomatte der Steinzeit
Unser Museum war maßgeblich an der Erforschung und Ausgrabung wichtiger Fundregionen im Land beteiligt, so auch im Duvenseer Moor. Am Ufer und auf Inseln dieses ehemaligen Sees entdeckte und untersuchte Klaus Bokelmann seit Mitte der 1960er Jahre einige Lagerplätze mittelsteinzeitlicher Jäger-Sammler-Gruppen. Diese Plätze zeichnen sich durch Feuerstellen, Anlagen zum Rösten von Haselnüssen und Rindenböden aus. Unterschiedlich große Matten aus Birken- und/oder Kiefernrinde schützten die steinzeitlichen Menschen vor Nässe und Kälte aus dem Boden. Ein besonderer Befund dieser Art ist ein 1,9 x 0,7 m großer Kiefernrindenboden vom sogenannten Wohnplatz 13. Er wurde oberhalb der Abfallzone des eigentlichen Lagerplatzes auf einer Insel im See gefunden und zwischen 7000 und 6500 v.Chr. genutzt. Vermutlich zum Schlafen, denn die Maße entsprechen denen heutiger Isomatten. Außerdem hat man zwar ein kleines Lagerfeuer entzündet, aber nichts zurückgelassen. Eine Momentaufnahme aus der Steinzeit!
Ein bronzener Messerscheidenbeschlag mit kosmologischem Bildprogramm
Inmitten der Stadt Oldenburg in Ostholstein liegt am östlichen Rand eines Moränenhorstes auf der Nordseite des Oldenburger Grabens der größte slawische Burgwall im gesamten westslawischen Siedlungsgebiet. Starigard hieß diese Fürstenburg der slawischen Wagrier vom 8. bis zum 12. Jahrhundert. Sie war Sitz des ersten Bistums auf dem Gebiet der Ostseeslawen und der Chronist Adam von Bremen nannte sie im 10. Jahrhundert eine Meerstadt.
Unser Museum unternahm unter der Leitung von Karl Wilhelm Struve und Ingo Gabriel in den Jahren 1973 bis 1983 Ausgrabungen auf dem Burgwall. Neben den außergewöhnlichen Befunden eines Fürstenhofes und einer Kirche, in der sich das Fürstengräberfeld befand, sticht das geborgene Fundmaterial im Vergleich zu anderen slawischen Burgen heraus. Ein Objekt, das die Forschung besonders beschäftigt, ist dieser so genannte Götterbildbeschlag.
Er war aus Bronze gegossen worden und ursprünglich wohl auf einer Messerscheide montiert. Gefunden wurde er in einer Siedlungsschichte des späten 10. oder frühen 11. Jahrhunderts. Das Bildprogramm der Figuren, bei denen es sich um Pferde, Menschen, eine Götterdarstellung und eine vermutlich göttliche Maske handelt, kann nach Ingo Gabriel wie folgt interpretiert werden: „… Sonnengott Svarog in überragender ` Herrscherpose ´ über den Welten der Lebenden und der Toten, zugleich im Himmelswagen vom Morgen zu Abend segenspendend den Kosmos durcheilend…“. Aber vielleicht haben Sie eine andere Idee, wie der Sinn dieses Beschlags interpretiert werden könnte?