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Vorstoß in die eigene Ortsgeschichte

Ordentlich gemähter Rasen, Rhododendronsträucher und Bäume, in denen Vögel zwitschern - der Garten in Schenefeld, Kreis Steinburg, wirkt, als biete er den Eigentümern viel Ruhe und Entspannung. Doch am vergangenen Wochenende ist die Ruhe im Dienst der Wissenschaft gestört worden. In einer Ecke der Grasfläche klaffte am Samstagnachmittag ein 1x1 Meter großes und etwa 80 Zentimeter tiefes Loch. An seinen Rändern knieten die Schenefelderin Marei Küppers, ihr Sohn Knut und zwei seiner Freunde.

Mit kleinen Kellen, Handfegern und einer Kehrschaufel gruben sie sich Schicht für Schicht weiter in die Tiefe. Die vier waren auf den Spuren der ersten Besiedlung, aus denen sich das heutige Schenefeld entwickelt hat. Verteilt über 15 ähnliche Gruben in Hinterhöfen, Kleingärten, auf dem Gelände des Wasserwerks, vor dem Gasthof und hinter der Bäckerei arbeiteten mehr als 40 Schenefelderinnen und Schenefelder an demselben Projekt: »Schenefeld gräbt aus«, zwei Tage lang, und zwar seine eigene Geschichte.  

Betreut wurden die Freiwilligen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA), des Museums für Archäologie Schloss Gottorf (MfA), des Archäologischen Landesamts Schleswig-Holstein (ALSH) und des Kieler Exzellenzclusters ROOTS. Die Expertinnen und Experten gingen herum, beantworteten Fragen und begutachteten Fundstücke, die die jeweiligen Freiwilligen-Teams aus ihrer Suchgrabung bargen. Wenn es nötig war, packten sie auch tatkräftig mit an.

"Schenefeld gräbt aus" - und zwar seine eigene Geschichte  

„Ein solches archäologisches Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaft einerseits und Bürgerinnen und Bürgern andererseits ist in Deutschland bislang einmalig“, erklärt Professor Dr. Dr. h.c. Claus von Carnap-Bornheim. Zusammen mit dem Archäologischen Landesamt hat er das Projekt initiiert. „In England sind derartige Bürgergrabungen schon länger üblich. Wie haben uns von Kolleginnen dort inspirieren lassen“, sagt von Carnap-Bornheim. 

Schenefeld sei ein idealer Standort für das Pilotprojekt, betont er. 2008 hatte das Archäologische Landesamt nahe der Schenefelder Bonifatiuskirche die Spuren zweier Grubenhäuser entdeckt. Sie konnten ins 9. Jahrhundert n. Chr.  datiert werden und sind Indizien für eine der längsten Siedlungskontinuitäten in Schleswig-Holstein.

„Um mehr über Strukturen und Ausmaße einer frühen Besiedlung herauszufinden, müsste man großflächig um die Kirche Grabungen durchführen. Das verbietet sich im bebauten Ortszentrum natürlich“, erklärt Ilka Rau vom ZBSA. Die Alternative sind viele kleine Suchgrabungen an genau ausgewählten Punkten rund um die Kirche. „Diese nur ein Quadratmeter großen Grabungen sind wie Nadelstiche durch den Mantel der Geschichte. Wenn man genug Nadelstiche hat, kann man irgendwann Strukturen auf der anderen Seite erkennen“, sagt Ilka Rau. 

Sie hat die Aktion monatelang vorbereitet. Unterstützt wurde sie dabei von Dr. Katrin Schöps vom IPN in Kiel. Die Finanzierung erfolgte durch den Kieler Exzellenzcluster ROOTS. 

Wissenschaftler*innen und Bürger*innen arbeiten Hand in Hand

Im Dezember 2021 fand die erste Informationsveranstaltung mit Schenefelds Bürgermeister Johann Hansen statt, der sofort Feuer und Flamme war. Nachdem auch die Gemeindevertretung mit ins Boot geholt war, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die genauen Standorte der Suchgrabungen festgelegt und Schenefelderinnen und Schenefelder angeworben, die selbst archäologisch tätig werden wollten. Große Unterstützung fanden sie bei dem Schenefelder Reinhard Heesch, der sich hervorragend mit der Schenefelder Geschichte und Archäologie auskennt. „Die Resonanz war überwältigend“, berichtet Ilka Rau, die dann die Freiwilligen zu Teams zusammengestellt und sie mit Dominik Forler vom Archäologischen Landesamt geschult hat. 

Am vergangenen Freitagvormittag begann die Aktion mit einem Besuch des archäo:labors der Kieler Forschungswerkstatt an der Gemeinschaftsschule in Schenefeld. Unter Anleitung von Dr. Katrin Schöps und studentischen Hilfskräften erlebten eine 6. und eine 7. Klasse abwechselnd archäologische Theorie und Praxis mit drei eigenen Suchgrabungen.

Die Teams der Freiwilligen begannen am Freitagnachmittag mit der Arbeit. Bis Samstagabend hatten sie Zeit, die jeweiligen Grabungen bis auf den anstehenden Geestboden abzutiefen. Trotz heftiger Regenschauer am Samstagvormittag waren alle mit Begeisterung dabei. „In unserer Familie beschäftigen wir uns schon immer mit Geschichte und Archäologie. Das hier ist eine einmalige Gelegenheit, mehr über Schenefeld zu erfahren. Und es bringt außerdem viel Spaß“, sagte Marei Küppers mit einem Lachen. 

So ein archäologisches Projekt ist bislang einmalig in Deutschland

Wenige hundert Meter weiter lag Ulrich Baschke neben einer Suchgrabung in einem anderen Garten und entfernte gerade mit einer Kelle eine weitere Schicht. „Ich bin alter Schenefelder und wohne hier schon das ganze Leben. Das hier ist unsere Ortsgeschichte.“

Doch nicht nur geborene Schenefelder machten mit. „Wir sind vor 18 Jahren zugezogen“, berichtete Doris Groth, während sie mit ihrem Mann Uwe in einem Kleingarten nahe der Kirche in die Vergangenheit vorstieß, „als mein Mann von der Aktion gehört hat, rief er mich gleich an und sagte, da machen wir mit‘. Schenefeld ist unser Dorf. Das hier ist spannend.“ 

Das Ergebnis der zweitägigen Aktion ist beeindruckend: Von modernen Heizungsabdeckungen über frühneuzeitliche Topfscherben bis hin zu steinzeitlichen Abschlägen kam eine Vielzahl von Funden zutage. Darunter waren auch zwei mittelalterliche Scherben, die möglichweise die These von der Besiedlung im 8. oder 9. Jahrhundert stützen könnten. „Natürlich müssen wir jetzt alle Funde noch einmal genauer untersuchen und datieren, bevor wir detaillierte Aussagen treffen können“, betont Ilka Rau, „sobald es Ergebnisse gibt, erfahren unsere freiwilligen Helferinnen und Helfer es natürlich zuerst.“

Am 10. und 11. Juni werden weitere Suchgrabungen in Schenefeld durchgeführt. Die Erfahrungen aus beiden Terminen fließen in Zukunft vielleicht auch in weitere Suchgrabungen mit Bürgerinnen und Bürgern ein. „Wir befragen die Freiwilligen nach ihren Erfahrungen und werten die Antworten wissenschaftlich aus. So lernen wir, wie wir in Zukunft Bürgerinnen und Bürger noch besser an Archäologie beteiligen können“, sagt Dr. Katrin Schöps vom IPN. „Die Stimmung in Schenefeld war jedenfalls großartig und wir bedanken uns sehr herzlich für die tolle Kooperation“, betonte Claus von Carnap-Bornheim am Ende der Veranstaltung. 

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